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Im Gespräch mit Michael Englisch

Nachdem ihm 2011 die Leitung des Designmanagements übertragen worden war, ist Michael Englisch heute neuer Produktentwicklungschef bei Wilkhahn.

ci: In welchem Bereich der Bürogestaltung sehen Sie in den kommenden Jahren noch am meisten Entwicklungspotenzial?

Michael Englisch: Ich bin davon überzeugt, dass es für alle Bereiche der Bürogestaltung Entwicklungspotenzial gibt. Die Welt verändert sich und entsprechend verändern sich die Anforderungen an die Büroarbeit. Wir sehen noch sehr viel Potenzial im Bereich der Sitzmöbel und natürlich ganz besonders im Bereich der Drehstühle.


ci: Können Sie als Chef der Produktentwicklung Ihre Vision für die Marke Wilkhahn kurz umreißen?

Michael Englisch: Wilkhahn beschäftigt sich intensiv damit, das Wohlbefinden der Menschen im Büro zu aktivieren, indem wir sie in Bewegung bringen. Ein besonderer Schwerpunkt ist dabei der Arbeitsstuhl. Mit dem Drehstuhl „ON“ haben wir bewiesen, dass hier signifikante Weiterentwicklungen möglich sind. Das neuartige Bewegungskonzept auf Basis der Trimension führt zu gesundem dynamischen Sitzen und erhöht nachgewiesenermaßen die Leistungsfähigkeit des Mitarbeiters. Bewegungsförderung und Aktivierung, diese Aspekte werden wir weiter verfolgen – und das nicht nur beim Sitzen.


ci: Welche zentralen Leitlinien Ihrer Arbeit sehen Sie in diesem Zusammenhang? Michael Englisch: Gestaltung bedeutet für uns immer „Veränderung der Praxis“. Nur wenn wir Handlung und Gebrauch immer wieder hinterfragen, sind wir in der Lage, die Defizite vorhandener Systeme zu erkennen und Alternativen zu benennen. Dabei muss jede neue Lösung natürlich Sinn machen und echten Nutzen bringen – sie muss ökonomisch und ökologisch sein, sie sollte immer qualitativ hochwertig sein und langfristig gültig.


ci: Können Sie uns drei Eigenschaften nennen, die einen „perfekten“, modernen Arbeitsplatz ausmachen?

Michael Englisch: Ich glaube, wir sollten das menschliche Verhalten stärker berücksichtigen als bisher. Wer konzentriert arbeiten muss, braucht dafür einen geeigneten Ort, für Denkarbeit braucht es Ruhe, für Ideen braucht es Kommunikation, für Gesundheit ist Dynamik und Bewegung erforderlich … Dafür brauchen wir geeignete Orte mit geeigneter Ausstattung. Wenn Menschen sich wohlfühlen und fit sind, können sie Leistung bringen und Leistungsbereitschaft entwickeln. Findet dies in einer kooperativen Kultur statt, sind dem Erfolg kaum Grenzen gesetzt.


ci: Thema Home-Office: Sind Arbeitnehmer zukünftig überhaupt noch auf einen „klassischen“, festen Platz im Büro angewiesen?

Michael Englisch: Die Freiheit nimmt zu. Menschen können mit den modernen technischen Mitteln überall arbeiten. Dennoch braucht es natürlich auch Orte für direkte Kommunikation und Interaktion. Erst durch die direkte Kommunikation und Interaktion entstehen neue Ideen auf der einen und Identität und Gemeinschaftsbildung auf der anderen Seite. Soziale Gemeinschaften definierten sich über Orte.


ci: Werden klassische Büromöbel wie der Aktenschrank aufgrund von Digitalisierung in Zukunft überflüssig?

Michael Englisch: Mindestens werden sie immer kleiner und weniger. Jeder von uns bearbeitet eine Fülle von Informationen, die auf dem Papierwege nicht zu beherrschen sind. Da kann auch der beste Aktenschrank nicht helfen. Und auch unter ökologischen Gesichtspunkten sollten wir uns vom Papier verabschieden.


ci: Zum einen geht der Trend vermehrt in Richtung „Wohlfühl-Büro“, zum anderen aber auch zum mobilen Arbeitsplatz. Ist das nicht eine sehr konträre Entwicklung? Und wo setzen Sie an?

Michael Englisch: Es werden von der Büromöbelindustrie permanent neue Themen gesucht, die geeignet sind, den müden Markt in Schwung zu bringen (ich habe da als junger Designer auch mitgemacht). Ich glaube weder an das Wohlfühl-Büro noch an den mobilen Arbeitsplatz. Ich glaube daran, dass es in Abhängigkeit von persönlichen Bedürfnissen und beruflichen Anforderungen geeignete Angebote geben muss. Das bedeutet für mich mehr Vielfalt und nicht einzelne Patentrezepte. Menschen sind vielfältiger und die Aufgaben ebenfalls.


ci: Moderne Bürokonzepte beinhalten oftmals non-territoriale Zonen: Welche Rolle wird das Desksharing Ihrer Meinung nach zukünftig spielen?

Michael Englisch: Das gleiche Thema: Natürlich kann es auch non-territoriale Bereiche geben, wenn ich z. B. möchte, dass ein Projektteam sich gemeinsam verortet. Das macht auch Sinn. Dass sich ein Mensch für die gleiche Arbeit jeden Tag woanders hinsetzt, glaube ich nicht. Den Büronomaden gibt es nach meinem Verständnis nicht, weil es menschlichem Verhalten widerspricht. Spätestens wenn man im Urlaub die Verteilung der Handtücher auf den Liegen am Hotelpool in den frühen Morgenstunden verfolgt, stellt man fest, dass auch dort immer die gleiche Liege belegt wird, wenn die Position stimmt.


ci: Thema Flexibilität: Büromöbel sollen zum einen leicht auf- und wieder abbaubar sein, zum anderen aber auch stabil, belastbar und langlebig. Eine neue Herausforderung an die Produktentwicklung?

Michael Englisch: An dieser Stelle wird impliziert, dass Büromöbel häufig verändert werden. Meine Vermutung ist aber, dass viele Möbel sehr lange unverändert stehen. Außer Frage steht, dass Möbel stabil, belastbar und langlebig sein müssen. Wir meistern das Thema leichter Veränderbarkeit hervorragend mit unseren dynamischen Konferenztischen, die auf Veränderung und Mobilität ausgelegt sind, die aber gleichzeitig robust und – ästhetisch und physikalisch – langlebig sind. Und sie sind ohne Werkzeuge auf- und abzubauen.


ci: Inwiefern beeinflussen demografische sowie technische Entwicklungen Ihre Arbeit als Premium-Möbelhersteller? Woran erkennen Sie überhaupt, welcher Trend Bestand hat und welcher nicht?

Michael Englisch: Wir müssen uns natürlich sehr ernsthaft mit den Themen beschäftigen und müssen uns Gedanken darüber machen, welchen Einfluss demographische und technische Entwicklungen auf unsere Arbeit haben. Ein Beispiel: Wir haben festgestellt, dass die Rückenprobleme im Büro in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Die Ursachen liegen sicher darin, dass wir immer länger sitzen. Das hat mit dem demographischen Wandel zu tun, aber auch mit dem Sitzen selbst. Die menschliche Bequemlichkeit ist eine Form natürlicher Energieeffizienz. Sie können heute alle erdenklichen Bürotätigkeiten durchführen, ohne mehr zu bewegen als Ihren Finger. Die Folgen dieser physiologischen Unterforderung werden immer deutlicher. Das bedeutet für uns, dass es in den kommenden Jahren unter anderem sehr stark um das Thema Gesundheit gehen wird – und zwar unabhängig vom Lebensalter. Das ist ein echter Trend.


ci: Thema Stress: Inwieweit können Büromöbel auch psychischen Stress lindern? Michael Englisch: Ich möchte mit unseren Produkten nicht Symptome bekämpfen, die tatsächlich andere Ursachen haben. Stress ist immer eine Frage der Arbeitsorganisation und hat fast immer etwas mit Führung zu tun. Und natürlich ist Stress auch ein sehr individuelles Problem. Aber wir haben aus neuen Forschungsergebnissen gelernt, dass Stress zum Beispiel durch Bewegung abgebaut werden kann. Natürlich kann auch eine „positive“ Umgebung Stress lindern. Die Ausstattung des Arbeitsplatzes ist ein wichtiger Aspekt der Wertschätzung. Wenn Kultur und Ambiente eines Unternehmens gut entwickelt sind, kann der Stress sicher deutlich reduziert werden. Studien des Bundesarbeitsministeriums zeigen, dass die Unternehmenskultur den Unternehmenserfolg bis zu 30 Prozent beeinflusst.


ci: Vielen Dank, Herr Englisch.

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